Die Allversöhnungslehre 

 

Die Allversöhnungslehre ist eigentlich nichts Neues. Sie kam bereits im zweiten Jahrhundert n. Chr. auf und wurde damals Apokatastasis (griech.), das heißt zu Deutsch „Wiederherstellung“, genannt. Die Lehre besagt, dass am Ende alle Menschen und sogar gefallene Engel mit Gott versöhnt werden. Die christliche Hoffnung sei universal und gelte allen Menschen, auch denen, die nicht an Christus glaubten: Jesus würde in der Ewigkeit auch für sie eintreten. Diese Lehre wurde jedoch auf der Synode von Konstantinopel (543 n. Chr.) sowie zehn Jahre später auf dem 2. Konzil von Konstantinopel als Irrlehre verworfen.[20] 

Die Vertreter der Allversöhnungslehre ziehen ihre Schlüsse aus verschiedenen Gründen[21]: Zum einen sei die Liebe Gottes mit der Existenz von ewig Verdammten unvereinbar. Ebenso wäre eine Glückseligkeit der Heiligen bei verlorenengegangenen geliebten Menschen nicht gewährleistet. Aus menschlicher Perspektive ist so eine Denkweise gut nachvollziehbar. Allerdings wird bei dieser Argumentation übersehen, dass Gott über sich selbst sagt: „So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken“ (Jes 55,9). Mit menschlicher Schlussfolgerung kann man bei Gott ganz schön danebenliegen. Schließlich hätten wir, wenn wir an Gott Vaters Stelle gewesen wären, sicherlich nicht unserem geliebten Sohn aufgetragen, ein Mensch zu werden, um auf diese grausame Art und Weise hingerichtet zu werden und dadurch die Gerechtigkeit Gottes voll und ganz zu befriedigen. So wie die Liebestat Jesu und die Barmherzigkeit Gottes unser Denken bei Weitem übersteigt, so erfassen wir auch nicht den glühenden Zorn der göttlichen Gerechtigkeit über die Sünde. Wenn die Christenheit im Himmel mit Gott vereint worden ist, dann werden die Heiligen die Dinge im Licht Gottes sehen.

Ein dritter Aspekt aus Sicht der Vertreter dieser Lehre ist, dass eine Strafe der Besserung dienen müsse und deshalb nicht unendlich lange dauern könne. Aber auch in unserem Strafrecht hat Strafe nicht immer erziehenden, sondern auch sühnenden Charakter. Die Allversöhnungsanhänger bezeichnen das Motiv der Sühne allerdings als Rache, was nicht mit dem Wesen Gottes vereinbar sei[22]. Rachegefühle zeugen oft von niederen Beweggründen, was nicht mit Gottes Charakter übereinstimmen würde. Die Bibel zeigt uns auf, dass der Schöpfergott durch die Sünden der Menschen beleidigt und entehrt wird. Ich bin davon überzeugt, hätte Gott die Würde eines Regenwurms, wobei Regenwürmer äußerst nützliche Tierchen sind und nicht geringgeschätzt werden sollten, so fiele die Höllenstrafe nicht so dramatisch aus. Die Strafe steht bekanntlich im Verhältnis zu dem Schaden, der angerichtet wurde. Wir Menschen können uns die Größe und Majestät Gottes nur schwer vorstellen und haben deshalb auch kein rechtes Verständnis dafür, was Sünde anrichtet. Gott ist der Höchste. Er nennt sich Jahwe, ICH BIN. Er ist der Ursprungslose, der Schöpfer aller Dinge und der Allmächtige. Er ist von Ewigkeit zu Ewigkeit und der Herr aller Herren. Im Alten Testament ist häufig zu lesen, wie sehr Gott auf seine Ehre bedacht ist. Gott liebt nicht nur seine Schöpfung, er liebt auch sich selbst. Um die Existenz des Höllenfeuers zu verstehen, müssen wir erkennen, dass Gott den Menschen zu seiner Ehre erschaffen hat: „Denn wie sich der Gürtel den Hüften des Mannes anschmiegt, so wollte ich, dass sich das ganze Haus Juda mir anschmiegte - Spruch des Herrn -, damit es mein Volk und mein Ruhm, mein Preis und mein Schmuck wäre. Sie aber haben nicht gehorcht“ (Jer 13,11). Gott ist zwar äußerst geduldig, wird aber die Zielverfehlung seiner Geschöpfe nicht ungesühnt lassen, aus Liebe zu sich selbst. Letzten Endes wird jeder Mensch Gott groß machen, ob er will oder nicht. Die einen werden seine Barmherzigkeit verherrlichen, die anderen seine Gerechtigkeit. Die Bibel rät uns, das stellvertretende Sühnopfer Jesu für uns in Anspruch zu nehmen, um am Ende nicht auf ewig dem Zorn Gottes anheimzufallen. 

Und schließlich stützen die Anhänger der Allversöhnungslehre ihre These durch verschiedene Bibelstellen. Zum Beispiel schreibt Paulus: „er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1. Tim 2,4). Sie interpretieren, dass, wenn Gott die Errettung aller Menschen will, am Ende auch der Wille Gottes geschieht. Die Befürworter dieser Lehre beziehen ferner das Wort „alle“ in diversen Bibeltexten auf die gesamte Menschheit: 

  • „Wie es also durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt. Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.“ (Röm 5,18 f.) 
  • Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. (1. Kor 15,22) 
  • Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. (Joh 12,32) 


Man muss die Bibel richtigerweise in ihrem Gesamtzusammenhang lesen. Manchmal ist das Wort „alle“ nur auf Personen einer bestimmten Gruppe bezogen oder es drückt aus, dass Gott das Heil allen anbietet (ihnen aber nicht aufzwingt). Ebenso muss man bei der Auslegung auch die Vielzahl der Bibelstellen berücksichtigen, die eine gegenteilige Aussage treffen. Im Matthäusevangelium beispielsweise erzählt Jesus das Gleichnis vom Weltgericht (Mt 25,31-46):
Der Menschensohn ruft alle Völker vor seinem Richterstuhl zusammen und hält Gericht über sie. Er trennt dabei die Schafe (seine Jünger) von den Böcken (den Ungläubigen). Er schließt mit dem Satz: „Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben“ (Mt 25,46). Das Höllenfeuer ist laut dem Gleichnis für den Teufel und seine Engel bestimmt. Die Verdammten, die Jesus ebenfalls zu ihnen in das ewige Feuer schickt, werden somit auch zu den Engeln[23] Satans gezählt, weil sie ihm gedient haben. 

Wenn Jesus die Wahrheit ist und demnach uns nicht anlügen kann, dann stehen seine Worte über den Meinungen von Menschen: „Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). 


Die Bibel berichtet zudem von einem anderen Sündenfall, der eine ewige Bestrafung zur Folge hatte. 

  • „Gott hat auch die Engel, die gesündigt haben, nicht verschont, sondern sie in die finsteren Höhlen der Unterwelt verstoßen und hält sie dort eingeschlossen bis zum Gericht.“ (2. Petr 2,4) 


Die Version der Allversöhnungslehre 2.0, wie man sie heutzutage allenthalben hören kann, lässt die Bestrafung komplett weg. War es für die Menschen der jungen Kirche schon erfreulich zu hören, dass die Hölle nicht ewig dauere, so ist dies für den modernen Menschen noch keine gute Nachricht. Die Botschaft unserer Tage verkündet Jesus als einen barmherzigen Richter und das Letzte Gericht als eine Art Werkstatt. Wer hier gerichtet wird, kommt repariert und wiederhergestellt heraus. Der Gebetsruf „Wir preisen deinen Tod“ von Diethard Zils, der zu festlichen Anlässen während der Heiligen Messe oft gesungen wird, zeugt ebenfalls von dieser Denkweise. Über die Wiederkunft Jesu zum Gericht singen die Gläubigen: „Wir hoffen, dass du kommst zum Heil der Welt.“ Schade, dass in diesem schön anmutenden Gebet sich eine klitzekleine Irrlehre eingenistet hat. Jesus Christus kam bereits vor 2000 Jahren zum Heil der Welt. Das ist schon längst passiert. Wenn Jesus aber wiederkommen wird in Herrlichkeit, dann kommt er zum Heil der Braut. 


[20] Reinhard, Hempelmann: Allversöhnung - doppelter Ausgang des Gerichts – Annihilation, https://www.ezw-berlin.de/publikationen/lexikon/allversoehnung-doppelter-ausgang-des-gerichts-annihilation, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (Hrsg.) (abgerufen am 30.10.2024).
[21] Andreas, Ebert: Die Lehre der Allversöhnung, https://chronik.derbibelvertrauen.de/SysLehre/SysLDown/Allversoehnung%20Thema.pdf (abgerufen am 29.10.2024).
[22] Wikipedia (Hrsg.): Apokatastasis, https://de.wikipedia.org/wiki/Apokatastasis (abgerufen am 30.10.2024).
[23] Ein Engel kann auch Diener bedeuten.