Drei Anbeterinnen
1. Die Begegnung Jesu mit der Sünderin: erniedrigt und erhöht
(Lk 7,36-50)
Im Lukasevangelium heißt es: „Dabei weinte sie und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl“ (Lk 7,38). Die Frau im Evangelium tat nicht nur für unsere heutige Zeit, sondern auch für die damalige Zeit etwas sehr Komisches. Sie kniete nieder und weinte über die Füße eines fremden Mannes in aller Öffentlichkeit. Anschließend trocknete sie seine Füße mit ihren langen Haaren. Kann sich jemand diese Szene vorstellen? Dann küsste sie diese Füße und ölte sie ein.
Die stadtbekannte Frau mit schlechtem Ruf machte sich keine Gedanken darüber, was die vornehmen Herren, Pharisäer und Apostel sich in diesem Moment wohl gerade dachten. Menschenfurcht schien sie keine zu haben, beziehungsweise ließ sie sich nicht von ihr bestimmen. Die Urteile anderer konnten sie nicht von ihrem Vorhaben abhalten, ihre Umkehr öffentlich zu bezeugen. Sie erniedrigte sich bodenlos, indem sie sozusagen den Putzlumpen für Jesus abgab. Oder hat von Ihnen schon einmal jemandem anstelle eines Handtuchs seine eigenen Haare zum Abtrocknen angeboten? Sie erwies einen Sklavendienst und zeigte damit, dass Jesus ihr neuer Herr ist. Sie verdemütigte sich und betete die Füße Jesu an, die ihr den weiten Weg nachgegangen waren, um das verlorene Schaf nach Hause zu bringen.
Jesus aber sagte zu dem Pharisäer Simon, der sich selbst für sündenlos hielt: „Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe“ (Lk 7,47).
Hier kann man einen wechselseitigen Zusammenhang ausmachen zwischen dem Empfangen von Sündenvergebung einerseits und der daraus resultierenden Liebe zu Jesus andererseits. Die Gute Nachricht Bibel erklärt dies so, dass man die empfangene Vergebung zahlreicher Sünden an der Liebe des Beschenkten erkennen kann. Je mehr ich Jesus liebe – das ist meine persönliche Hingabe –, desto gnadenvoller war Gottes Vergebung für mich.
Jesus lobte die in der Stadt als Sünderin bekannte Frau im Gespräch mit dem Pharisäer, dass diese vielfach ihre Liebe zu ihm bekundet habe, während er als Gastgeber ihm nicht angemessene Wertschätzung und Liebe gezollt habe: „Dann wandte er sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße gegeben; sie aber hat ihre Tränen über meinen Füßen vergossen und sie mit ihrem Haar abgetrocknet. Du hast mir (zur Begrüßung) keinen Kuss gegeben; sie aber hat mir, seit ich hier bin, unaufhörlich die Füße geküsst. Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrem wohlriechenden Öl die Füße gesalbt“ (Lk 7,44-46).
Tatsächlich war der Pharisäer vor Gott auch ein Mensch mit vielen Sünden. Jesus konnte sie ihm nur nicht vergeben, weil er die falsche Herzenshaltung hatte. Deshalb brachte er Jesus dementsprechend wenig Liebe entgegen. Jeder Mensch verdankt Jesus unendlich viel. Es gibt keinen kleinen Sünder, für den Jesus nur wenig gelitten hätte. Wir Menschen unterscheiden gerne in diesen Kategorien. Vor Gott gibt es nur Verlorene oder Erlöste. Erst der Tod Jesu hat uns erlöst – das gilt für jeden Menschen gleichermaßen. Somit hat die Erlösung eines jeden Menschen Jesus gleich viel gekostet, nämlich alles. Wir sind es, die die Gnade Gottes unterschiedlich wertschätzen und daher unterschiedlich dankbar reagieren und deshalb Jesus unterschiedlich stark lieben und folglich unterschiedlich viel Frucht bringen.
Jesus demütigte den stolzen Pharisäer und lobte die demütige Frau: „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Mt 23,12).
2. Maria und Marta aus Bethanien: Hören oder Tun? (Lk 10,38-42)
Maria und Marta waren Schwestern. Aber sie hätten unterschiedlicher nicht sein können. Maria war sich bewusst, wie sehr sie Jesus und sein Wort brauchte. Sie wusste, wie sehr sie von ihm abhängig und ohne ihn verloren war. Um im Gleichnis vom verlorenen Sohn die beiden Frauen zu beleuchten, erkannte sich Maria wohl eher in dem jüngeren Sohn wieder, der zum Vater heimgekehrt war und nun seine Gemeinschaft suchte. Die brave Marta hingegen war gewissermaßen daheim beim Vater geblieben und half fleißig mit. Als Jesus einmal zu Besuch kam, saß Maria Jesus zu Füßen und hörte ihm aufmerksam zu. Marta stattdessen war beschäftigt. Viele Christen sind wie Marta, immer am Tun, aber nicht am Hören. Jetzt wurde es Marta aber zu bunt, und sie kritisierte ihre Schwester, die faul zu sein schien. Sie beschwerte sich bei Jesus und bat ihn, ihre Schwester zu ermahnen und ihr zu sagen, dass sie ihr helfen soll. Doch Jesus ergriff Partei für Maria und belehrte seinerseits nun Marta mit den Worten: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden“ (Lk 10,41).
Jesus sagt, dass nur eines notwendig ist. In so mancher Predigt habe ich gehört, dass ein Christ sowohl Maria als auch Marta in sich tragen soll. Jesus sieht es anders. Er korrigiert Marta und verteidigt Maria. Er sagt, dass nur eines notwendig ist. Es gibt da eine Sache, die wendet die Not. Diese eine Sache wendet Ihre und meine Not. Sie wendet die Not der Christenheit und die Not der ganzen Welt. Dieses eine, was wirklich nottut, ist Anbetung und Hören auf Gottes Wort. – Ein Zitat von Corrie ten Boom lautet: „Wenn der Teufel dich nicht zur Sünde verführen kann, dann hält er dich beschäftigt“.
Alles Tun ist der Anbetung Gottes nachgeordnet und ergibt sich daraus. Wenn wir Gott anbeten, dann werden wir auch durch unser Tun Gott dienen.
3. Die Salbung Jesu in Bethanien: So eine Verschwendung? (Mk 14,3-9)
Im Markusevangelium wird ein zweites Mal von einer Salbung Jesu berichtet: „Als Jesus in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen bei Tisch war, kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll echtem, kostbarem Nardenöl, zerbrach es und goss das Öl über sein Haar“ (Mk 14,3). Der Apostel Johannes verrät uns ihren Namen, nämlich Maria, und er gibt uns den zeitlichen Rahmen dieses Ereignisses: Es war sechs Tage vor dem Paschafest. Es handelte sich also wahrscheinlich um den Abend des Palmsonntags. Jesus hatte kurz zuvor Marias Bruder von den Toten auferweckt, indem er ihn aus dem Grab rief: „Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!“ (Joh 11,43).
Nardenöl ist äußerst teuer. Die Narde wächst fast ausschließlich im Himalaja in 3000 m bis 5000 m Höhe. Nardenöl war und ist bis heute sehr kostbar. Sein Wert wird bei Markus mit mehr als 300 Denaren angegeben, was in etwa dem Jahreslohn eines Arbeiters entsprach.[31] Weil es so wertvoll war, war es nur den Königen vorbehalten, dieses Öl zu verwenden. Wenn wir lesen, dass Maria Jesus mit diesem königlichen Salböl salbte, dann verehrte sie ihn damit als ihren König und Gott. Maria schraubte aber das Alabastergefäß nicht einfach auf, so wie ich es tun würde. Sie zerbrach es. Damit drückte sie in bildhafter Weise eine tiefere Wirklichkeit aus. Denn sie hatte sich in der Tat selbst zerbrochen – das war ihre Willensentscheidung. Sie hatte ihren alten Menschen mit Füßen getreten und sich vor Jesus regelrecht hingeschüttet, ohne Rücksicht auf sich selbst. Sie verstand es, den alten Menschen in sich zu kreuzigen, um als neuer Mensch für Jesus zu leben.
Die Jünger kritisierten Maria aufgrund dieser Geldverschwendung. Man hätte das Geld den Armen geben und viel Gutes tun können. Bei Markus steht: „Und sie machten der Frau heftige Vorwürfe“ (Mk 14,5). Sie stellten also die Nächstenliebe über die Anbetung.
Aber Jesus gab ihnen nicht Recht. Er verteidigte Maria und stellte die Anbetung über die Nächstenliebe. Er stellte damit die Gottesliebe über die Nächstenliebe.
Ihre Handlung war sogar prophetisch. Jesus erklärte: „Als sie das Öl über mich goss, hat sie meinen Leib für das Begräbnis gesalbt“ (Mt 26,12). Früher war es üblich, die Füße vor einer langen Wanderung zu salben, um sie vor Verletzungen zu schützen. Maria vollzog hier also eine heilige Handlung und stärkte Jesu Füße für seinen unmittelbar bevorstehenden Leidensweg. Ja, es ist sogar so wichtig, was Maria getan hat, dass Jesus versichert: „Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo das Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat“ (Mk 14,9).
Jesu Botschaft ist klar und eindeutig: Nichts ist wichtiger als Anbetung!
Auch hier wiederum gilt das geistliche Prinzip: „wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Mt 23,12). Maria von Bethanien, zerbrochen und erhöht! Ebenso geschah es mit Jesus: Er ist die Selbsterniedrigung des Sohnes Gottes, und deshalb hat Gott Vater ihn über alle erhöht! (Vgl. Phil 2,9)
4. Maria von Magdala: Vom Glauben zum Schauen (Joh 20,11-18)
Über Maria von Magdala ist wenig bekannt. Man liest über sie, dass sie von sieben Dämonen besessen war. Nachdem Jesus sie befreit hatte, wurde sie eine seiner treuesten Anhängerinnen und begleitete ihn mit einigen anderen Frauen schließlich auf seinem Kreuzweg. Über Marias Charakter erfährt man in der Bibel nichts. Wir können jedoch schließen, dass sie in hohem Maß auf die Auferstehung Jesu hoffte. Denn es wird eindeutig darauf hingewiesen, dass von all den Frauen, die sich auf dem Weg zum Grab gemacht hatten, Maria von Magdala die erste war, die Jesus sehen und mit ihm sprechen durfte: „Als Jesus am frühen Morgen des ersten Wochentages[32] auferstanden war, erschien er zuerst Maria aus Magdala, aus der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte“ (Mk 16,9). Während Jesus den Aposteln erst am Abend erschien, wobei diese ihn anfassen durften, begegnete er den Frauen bereits am frühen Morgen des Ostersonntags. Er zeigte sich Maria von Magdala sogar vor seiner ersten Himmelfahrt: „Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater“ (Joh 20,17 ELB).
Wie hat sich das zugetragen? Maria war am Ostermorgen sehr aufgewühlt und weinte viel, weil vermeintlich jemand den Leichnam gestohlen hatte. Die Engel am Grab fragten sie: „Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Man hat meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat“ (Joh 20,13). In dem kurzen Abschnitt (Verse 11-18) wird viermal das Wort „weinen“ erwähnt. Ich denke, dass Marias Tränen von ihrer großen Liebe und Traurigkeit zeugten. Manchmal korrelieren besondere Gnadengeschenke Gottes mit einer entsprechenden Sehnsucht unsererseits. Wonach sehnen Sie sich? Wofür blutet Ihr Herz?
An Maria von Magdala kann man gut erkennen, dass es bei Gott nicht wichtig ist, ob wir einen guten Start im Leben hatten. Es kommt nicht darauf an, wie man anfängt, sondern wohin man sich entwickelt. Bei Jesus werden die Karten neu gemischt. Die Letzten werden die Ersten sein (vgl. Mt 20,16). Maria von Magdala vollzog eine Kehrtwende von der Dunkelheit zum Licht. Jesus honorierte ihren Eifer und ihre Treue. Gott belohnt diejenigen, die in den Prüfungen standhaft bleiben.
Die Frauen am leeren Grab waren die ersten Verkündiger der Auferstehung Jesu und wurden von dem Auferstandenen selbst ausgesandt, zu verkündigen. „Sogleich verließen sie das Grab und eilten voll Furcht und großer Freude zu seinen Jüngern, um ihnen die Botschaft zu verkünden. Plötzlich kam ihnen Jesus entgegen und sagte: Seid gegrüßt! Sie gingen auf ihn zu, warfen sich vor ihm nieder und umfassten seine Füße. Da sagte Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen und dort werden sie mich sehen“ (Mt 28,8-10). Im Markusevangelium erfahren wir den Grund für das späte Erscheinen Jesu am Abend des Ostersonntags für seine Apostel: „Später erschien Jesus den Elf selbst, als sie bei Tisch waren; er tadelte ihren Unglauben und ihre Verstocktheit, weil sie denen nicht glaubten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten“ (Mk 16,14). Es fehlte ihnen also an Glauben. Doch es kam noch drastischer: Der ungläubige Thomas durfte Jesus schließlich als Letzter sehen (vgl. Joh 20,24-29).
[31] Wikipedia (Hrsg.): Indische Narde, https://de.wikipedia.org/wiki/Indische_Narde#Narden%C3%B6l (abgerufen am 06.11.2024).
[32] Der erste Wochentag war bei den Juden der Tag nach dem Sabbat. Das entspricht in unserer Zeitrechnung dem Sonntag.