Der Stachel des Evangeliums
Heilsgewissheit oder Heilsunsicherheit?
Liebe Leser, schön, dass Sie noch am Ball geblieben sind. Denn es ist bisweilen schon eine Zumutung, was das Evangelium aussagt. Wie steht es aber nun mit der Heilsgewissheit, die ein Christ bekanntlich haben soll und vor allem haben darf? Vielleicht haben die Worte bezüglich Glaubensgehorsam, der Notwendigkeit des Fruchtbringens und der Frage nach dem Würdig-Sein Sie beunruhigt oder Ihnen womöglich Angst eingejagt? Der Apostel Johannes möchte, dass wir dem Tag des Gerichts zuversichtlich entgegensehen: „Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn die Furcht rechnet mit Strafe und wer sich fürchtet, dessen Liebe ist nicht vollendet“ (1. Joh 4,18).
Ich will es an einem Beispiel erklären. Stellen Sie sich vor, Sie leben seit vielen Jahren in einer Beziehung. Ihr Lebenspartner besitzt in etwa folgende Einstellung: Jetzt sind wir schon so lange zusammen, da läuft die Beziehung wie von selbst. Geschenke und kleine Aufmerksamkeiten sind völlig überflüssig. Zeit zu zweit brauchen wir nicht, es gibt nach so langer Zeit ohnehin nichts mehr zu bereden. Außerdem habe ich genügend Aktivitäten, die mich ausfüllen und voll und ganz vereinnahmen. Für Zweisamkeit fehlt mir da sowieso die Zeit.
Nun, mit so einem Lebensgefährten möchten Sie wohl nicht Ihren Lebensabend verbringen. Viele Menschen leben allerdings so oder so ähnlich ihre Beziehung mit Gott. Man geht davon aus, dass die Beziehung zu ihm von selbst läuft, da Gott einen ja ohnehin liebt. Eine bewusste Hinwendung zu Gott und seinem Wort wird nicht gepflegt. Für Gott bleibt sonntags wie werktags meist keine Zeit. Wie soll da die Beziehung zu ihm wachsen, geschweige denn nicht zerbrechen? Jede Beziehung, auch eine Gottesbeziehung, ist eben doch Teamwork. Man kann sich nicht „selber beziehen“.
Gott geht es einzig und allein darum, dass wir ihn lieben. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn wir Gott lieben, dann werden wir ihm Zeit schenken im Gebet. Dann werden wir Gottes Wort lesen und Gottes Willen tun wollen. So wie man die Wünsche seines Partners herausfinden und erfüllen möchte, um ihn glücklich zu machen. Die Liebe zu Jesus verbindet uns mit ihm, wie die Rebe mit dem Weinstock:
- „Jesus antwortete ihm: Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.“ (Joh 14,23)
- „Wer also mit dem Sohn verbunden ist, der hat das Leben. Wer aber keine Gemeinschaft mit dem Sohn hat, der hat auch das Leben nicht.“ (1. Joh 5,12 HFA)
Wir dürfen und sollen als Christen Heilsgewissheit haben: Das ist die Gewissheit, gerettet zu sein und die Ewigkeit bei unserem Herrn Jesus zu verbringen. Diese Sicherheit speist sich einzig und allein aus unserer Beziehung zu Jesus und daraus, dass wir in Christus sind: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch“ (Joh 15,4). Dass wir mit Christus verbunden sind, ist unsere Verantwortung. „Sucht die Nähe Gottes; dann wird er sich euch nähern“ (Jak 4,8). Gott gab jedem Menschen einen freien Willen, den er respektiert. Ja, er ist ihm sogar heilig. An uns liegt es, die Nähe Gottes zu suchen. Jesus steht an unserer Herzenstür und wartet darauf, dass wir ihn hineinlassen. Er klopft an die Tür, aber er tritt sie nicht ein (vgl. Offb 3,20).
Meine persönliche Heilsgewissheit erstreckt sich allerdings nur auf die Gegenwart und ist in meinen Augen kein Blankoscheck für die Zukunft. So, wie der Partner in dem vorherigen Beispiel sich zurücklehnen und beziehungstechnisch sich in die Hängematte legen kann, kann auch ich in meinem geistlichen Leben Gott an die Seite stellen und mich immer weniger für ihn interessieren. Darum bitte ich Gott immer wieder darum, mich in den Himmel zu führen. Ich bitte ihn, meine Liebe zu ihm wachsen zu lassen und dass mein Leben für ihn reiche Frucht bringt. Ich bitte ihn, dass ich ihn weder verrate noch verleugne. Dies alles sind Gnaden, um die wir Gott bitten sollten. Die Wichtigkeit des Gebets in der Nachfolge Jesu drückt Johannes Hartl, ein katholischer Theologe und Gründer des Gebetshauses Augsburg, prägnant in folgendem Satz aus: „Gebet ist nicht alles, aber ohne Gebet ist alles nichts.“ Hartl erkennt damit an, dass im christlichen Glauben sehr wohl Taten gefordert sind, betont jedoch zugleich die zentrale Bedeutung des Gebets. Ohne Gebet handeln wir allzu leicht aus unserem „Fleisch“ heraus anstatt aus Gottes Geist.
Rührt der Wunsch, das ewige Leben sicher in der Tasche zu haben, nicht letztlich von unserem Stolz und dem Streben nach Unabhängigkeit her? Wollen wir nicht wieder einmal die Kontrolle haben? Würde mir jemand ein ewiges Leben anbieten, das zwar sicher, aber unabhängig von meiner Beziehung zu Christus ist, ich würde dankend ablehnen. Ehrlich gesagt möchte ich gar keine Heilsgewissheit, losgelöst von Christus.
In katholischen Pfarrgottesdiensten hatte ich Zeit meines Lebens bislang nur ein nettes Evangelium zu hören bekommen. Heute bin ich davon überzeugt: Das wahre Evangelium hat einen Stachel. Vielleicht sogar mehrere. Es kommen nicht alle Menschen in den Himmel, laut Bibel noch nicht einmal die meisten.[19]
- „Da fragte ihn einer: Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? Er sagte zu ihnen: Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen.“ (Lk 13,23 f.)
- „Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.“ (Lk 12,32)
- „Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng und der Weg dahin ist schmal und nur wenige finden ihn.“ (Mt 7,14)
- „Und wenn der Gerechte kaum gerettet wird, wo wird man dann die Frevler und Sünder finden?“ (1.Petr 4,18)
Hätten die Apostel damals ein Gnadenevangelium verkündet, wie wir es heute von so vielen Pfarrern und Religionspädagogen/-innen zu hören bekommen, kein Mensch hätte sie gekreuzigt. Warum auch? Hätte Jesus ein Weichspülevangelium gepredigt, den Pharisäern und Schriftgelehrten geschmeichelt und sich bei ihnen beliebt gemacht, niemand hätte ihm nach dem Leben getrachtet. Waren es nicht die religiösen Führer der damaligen Zeit, die Jesus nicht aufnahmen und schließlich seinen Tod forderten? Wie steht es mit den religiösen Führern unserer Zeit, den Kardinälen, Bischöfen, Pfarrern und Theologen? Muss sich die Kirche nicht zu allen Zeiten immer wieder aufs Neue selbstkritisch prüfend dieselbe Frage der Apostel im Abendmahlsaal stellen, als Jesus vom Verräter sprach: „Da waren sie sehr betroffen und einer nach dem andern fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr?“ (Mt 26,22). Wenn wir die Lehre des Evangeliums verwässern, dann haben auch wir Jesus verraten.
[19] In der Bibel finden wir auch die Aussage, dass eine große Schar aus allen Völkern und Sprachen erlöst vor Gottes Thron kommen wird (vgl. Offb 7,9). Gott sei Dank werden tatsächlich viele Menschen gerettet. Vergleicht man allerdings die Zahl der Erlösten mit der der Unerlösten, so fällt die Erstere vergleichsweise klein aus.