...Der ältere Sohn bekommt sein Fest!
Das Pharisäertum von heute
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn habe ich schon viele Male in meinem Leben gehört. Allerdings lag dabei nahezu immer der Fokus auf dem jüngeren Sohn, der sich das Erbe des Vaters auszahlen ließ. Nachdem er ein Leben in Saus und Braus genossen hatte und es nicht mehr so gut lief, kehrte er reumütig zu seinem Vater zurück, der ihn mit offenen Armen empfing, ihm alles verzieh und obendrein voll Freude über seine Heimkehr ein großes Fest ausrichtete. Mit dem jüngeren Sohn konnte ich mich allerdings nie so richtig identifizieren, steht er doch für Menschen, die ihr Leben ohne Gott und seine Gebote geführt haben, bis sie sich bekehrten. Ich brauchte mich aber meiner Ansicht nach nicht bekehren, da ich von klein auf gläubig erzogen wurde und regelmäßig zur Kirche ging, oder etwa nicht? Die Predigten über einen guten und barmherzigen Vater-Gott, der uns unsere Fehler vergibt, konnten bei mir irgendwie nicht landen, da ich mich eher mit dem älteren Sohn identifizierte. Dieser war brav zu Hause geblieben und hat anscheinend immer alles richtig gemacht – so wie ich…
Zu dem Gleichnis vom verlorenen Sohn könnte man anmerken, dass der verlorene Sohn eigentlich nicht der jüngere ist, der sich in die große weite Welt aufmachte und schließlich bei den Schweinen landete. Denn er hat sich eines Tages auf den Weg gemacht und ist zu seinem Vater umgekehrt. Er hat erkannt, dass er ein Sünder ist und hat bereut. Vor allem war ihm bewusst, dass alles, was er empfing, unverdient war. Der Vater nahm ihn in die Arme und küsste ihn. Er beschenkte ihn mit einem Festgewand. Symbolisch steht es für die Gerechtigkeit Jesu, die wir anziehen dürfen. Er bekam einen Ring, Sinnbild für die Liebe, Zugehörigkeit und Identität. Man kann dabei auch an die Bedeutung eines Eherings denken. Schließlich ist Christus unser himmlischer Bräutigam und die Kirche, also jeder einzelne Gläubige, ist die Braut Christi. Mit dem Ring bekam der Heimgekehrte wieder Ansehen, er wurde als Sohn angenommen und empfing vom Vater dessen Autorität. Er gehörte wieder zur Familie. Schließlich wurden ihm Schuhe angezogen. Früher waren Schuhe ein Zeichen eines freien Mannes. Nur Sklaven liefen barfuß. Er war nun also von der Knechtschaft der Sünde befreit, d.h. von dem Zwang, ein Sünder sein zu müssen. Jetzt war er wieder ein Kind Gottes und frei, ein heiliges Leben zu führen. Alle Schuld und Sünde waren vergeben. Er war zwar verloren, aber jetzt ist er es nicht mehr. Er ist wiedergefunden worden.
Der Vater hatte aber noch einen zweiten Sohn. Man kann das Gleichnis auch so deuten, dass der verlorene Sohn in dem Gleichnis eigentlich der ältere ist. Er lebt zwar physisch zu Hause beim Vater, sein Herz aber ist weit weg von ihm. Er scheint keine gute Beziehung zu ihm zu haben. Der ältere Sohn ist wie ein Fremder im eigenen Haus. Er fühlt sich nicht wie ein Sohn, sondern wie ein Knecht. Er arbeitet hart und hat keine Freude. Zu seinem Vater sagt er in seinem Zorn: „Nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt.“ Ob er sich da nicht etwas vormacht? Welches Kind ist denn schon immer gehorsam? Und da sich der ältere Sohn aufgrund von Leistung definiert, muss er sich durchs Leben beißen. Nie konnte er mit seinen Freunden ein Fest feiern. So geht es vielen Christen. Sie haben keine Freude am Glauben, keine Freude am Gebet, keine Beziehung zu Gott, sie hören seine Stimme nicht und machen keinen Lobpreis. Es ist nicht der Vater, der dies alles seinem älteren Sohn nicht gönnen würde. Aber mit dieser Herzenshaltung der Selbstgerechtigkeit und Selbsterlösung ist mehr Freude am Glauben eben nicht drin.
Viele sind der Meinung, dass nur wirklich böse Menschen ohne Jesus verloren sind, also Mörder beispielsweise[5]. Und da wir uns nicht für so schrecklich böse halten, meinen wir, Gott sieht das genauso. Gott aber sagt, dass wir alle ohne Jesus verloren sind. „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten.“ (Röm 5,12) Wir sind von Zeugung an unfähig, Gott zu sehen. Viele Christen wollen als Christen zu Christus kommen. Doch für Christen ist Jesus nicht gekommen. Nur ein Sünder kann von Jesus Vergebung empfangen.[6] Erst wenn die Christen begriffen haben, dass auch sie erlösungsbedürftig sind – auch wenn sie niemanden umgebracht haben, sonntags in die Kirche gehen und brav ihre Kirchensteuer zahlen –, dann erst steigt im Himmel eine riesengroße Party.
Ein paar Verse zuvor erzählte Jesus ebenfalls eine Geschichte über einen Verlust: das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lk 15,1-7). Darin geht es um jemanden, der hundert Schafe besitzt und eines davon verliert. Er lässt daraufhin die neunundneunzig Schafe in der Steppe zurück, um das eine verloren gegangene Schaf zu suchen. Für wen stehen die neunundneunzig Schafe in dem Gleichnis? Wer ist derjenige, der sich auf die Suche macht? Und wer sind die neunundneunzig Gerechten, die keine Umkehr nötig haben? Ist es nicht so, dass es die neunundneunzig Gerechten gar nicht gibt, da jeder Mensch ein Sünder ist? „Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen.“ (Jes 53,6) Offensichtlich ist Jesus die Person, die dem verlorenen Schaf nachgeht. An einer anderen Stelle nennt er sich selbst den guten Hirten (Joh 10,11). Jesus kam vom Vater im Himmel und ließ die Engel dort zurück (vgl. Joh 13,3; Joh 14,28). Die neunundneunzig Gerechten, die nicht umzukehren brauchen und die Jesus zurückließ, sind die Engel im Himmel. Dorthin, heim zum Vater, will Jesus uns wieder führen.
In meiner Kindheit hatte ich mal eine Predigt zu diesem Gleichnis gehört. Die Botschaft, die ich als kleines Mädchen mitgenommen hatte, war, dass ich eines der neunundneunzig Schafe wäre, da ich zur katholischen Kirche gehörte. Wenn jemand, der sich von der Kirche abgewandt hatte, sich wieder der Kirche zuwenden würde, solle man ihn großherzig aufnehmen. Nach dem Gottesdienst ging ich mit gemischten Gefühlen nach Hause: Zum einen fühlte ich mich gut, denn ich gehörte offensichtlich zu der Gruppe der Gerechten. Ich machte es also richtig. Aber da war noch ein anderes Gefühl, das dieses erste überschattete: Im Himmel herrsche über die neunundneunzig Gerechten weniger Freude als über einen Sünder, der umkehrt. In meinem Herzen stieg Trauer auf, da Jesus sich über mich wohl nicht richtig freute… Erst als Jesus mir rund dreißig Jahre später das Evangelium erklärte, verstand ich, dass ich ja das eine verloren gegangene Schaf war, dem er nachgegangen war. Indem ich diese Glaubenswahrheit in mein Herz fallen ließ, wurde ich von großer Freude erfüllt, und im Himmel begann ein Fest!
Letzten Endes geht es im Gleichnis vom verlorenen Sohn um zwei verschiedene Gerechtigkeitssysteme: auf der einen Seite die Gerechtigkeit aus Gnade, die Gott schenkt, und auf der anderen Seite die Gerechtigkeit aus Werken, die der ältere Sohn zu besitzen meint. „Weil wir aber erkannt haben, dass der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir dazu gekommen, an Christus Jesus zu glauben, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird niemand gerecht“ (Gal 2,16). Und der Prophet Jesaja sagt: „Wie unreine [Menschen] sind wir alle geworden, unsere ganze Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges Kleid“ (Jes 64,5).
Wenn die Christen wieder zu der Überzeugung gelangen, dass niemand sich den Himmel durch gute Taten verdienen kann, sondern ein jeder Mensch das unverdiente Gnadengeschenk der Erlösung durch Jesus Christus braucht, um vor Gott heilig und gerecht gemacht zu sein, dann ist eine große Hürde in der Nachfolge Jesu überwunden, nämlich das Pharisäertum der Selbsterlösung.
In meinen Ausführungen verwende ich in der Regel die Einheitsübersetzung 1980. Wenn ich die Formulierung einer anderen Übersetzung treffender finde, zitiere ich eine für mich ansprechendere Übersetzung und gebe diese in Klammern an.
[5] Es sei denn, sie vertreten die Allversöhnungslehre und sind der Ansicht, dass alle Menschen gerettet sind, weil Jesus für alle Menschen gestorben ist. Ich gehe in diesem Kapitel nicht explizit auf diese Irrlehre ein, aber es wird im nächsten Kapitel ersichtlich, warum wir nicht automatisch in den Himmel kommen.
[6] Zac, Poonen: Lies das Evangelium: Das wahre Evangelium neu entdecken, https://www.amazon.de/Lies-das-Evangelium-wahre-entdecken-ebook/dp/B09BDKJ5HN/ref=tmm_kin_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=&sr= (abgerufen am 19.12.2024).